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Image by Avi Theret

Wissenswertes

Hier finden Sie wissenswertes rund um meine Arbeit, Pferde und aktuelles. Viel Freude beim Lesen.

Ernährungsberatung und Fütterung beim Pferd

  • vetveronikahajek
  • 20. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Eine fundierte ernährungsmedizinische Beratung kann bei Pferden den Unterschied zwischen chronischer Krankheit und langfristiger Gesundheit ausmachen. Entgegen der weitreichenden Annahme, Veterinärmediziner:innen hätten keine fundierte Ausbildung dazu, ist das Gegenteil der Fall. Die Bedeutung der Ernährung bei Tieren ist in der modernen Tiermedizin ein fundamentaler Bestandteil und auch im Studium schon mit Zahlreichen Lehrstunden vertreten, bis hin zum Stattsexamen.


Ernährung und Fütterung im Veterinärstudium

Im Studium der Veterinärmedizin bilden Anatomie, Physiologie, Pathologie und Pharmakologie die Grundpfeiler – die Ernährung wird meist im Rahmen der „Allgemeinen und Speziellen Tierernährung“ behandelt. In München - meinem Studienort - wird das Thema Ernährung sowohl theoretisch als auch praktisch über mehrere Veranstaltungen integriert.

  • „Allgemeine und spezielle Tierernährungslehre und Futtermittelkunde“ 

  • „Übungen zur Futtermittelkunde“ – praktische Kurseinheiten Diese Übungen beinhalten z. B. Futtermittelanalyse, Rationsberechnung und praktische Futterkunde, und Studierende müssen Testate zur Teilnahme erbringen.

  • „Spezielle Tierernährung und Diätetik“ 

  • „Übungen zur speziellen Tierernährungslehre und computergestützten Rationsberechnung“ – praktische Termine; computerunterstützte Rationsberechnung nach Bedarf, Energie- und Nährstoffbedarfsanalysen sowie praktisches Arbeiten mit Futtermitteldaten.

  • Wahlpflichtveranstaltungen zur Vertiefung


Prüfungen und Leistungsnachweise

Studierende müssen die regelmäßige und erfolgreiche Teilnahme an den Übungen und der Vorlesung zur Ernährung nachweisen. Regelmäßige Testate für praktische Übungen (z. B. Futtermittelkunde, Rationsberechnung) sowie mündliche oder schriftliche Prüfungsanteile im Rahmen des ersten Abschnitts des Staatsexamens sind Pflicht.

Nichtsdestoweniger muss sich jeder/jede Tierärzt:in auch nach dem Studium fortlaufend weiterbilden und das Wissen in dem jeweiligen Fachgebiet (zB der speziellen Tierernährung) weiterbilden. Hier finden Sie einen Auszug meiner regelmäßigen Fort- und Weiterbildungen.



Warum ist die Fütterung für das Mikrobiom und die Gesundheit so wichtig?

Das Darmmikrobiom (Gesamtheit aller Mikroorganismen im Darm) eines Pferdes spielt eine Schlüsselrolle für die Verdauung, Nährstoffverwertung und Immunfunktion. Der Verdauungstrakt von Pferden ist darauf ausgelegt, lange Zeit kleine Mengen Futter zu kauen, was die Produktion von Pankreasenzymen, Gallensäuren und kurzzeitigen Fermentationsprozessen fördert – ein Gleichgewicht, das durch abrupt wechselnde oder zu kohlenhydratreiche Rationen gestört werden kann.

Studien haben gezeigt, dass bei metabolischen Störungen wie dem Equinen Metabolischen Syndrom (EMS) Veränderungen im Mikrobiom und auch im Serumstoffwechsel messbar sind. Unterschiedliche mikrobiologische Profile sind mit Insulindysregulation assoziiert, was verdeutlicht, wie eng Darmflora und systemische Gesundheit miteinander verknüpft sind.


Ein gut funktionierendes Mikrobiom hilft außerdem bei:

  • der Aufrechterhaltung der Darmbarriere,

  • der effizienten Faserverdauung,

  • der Produktion von kurzkettigen Fettsäuren (z. B. Butyrat),

  • der Unterstützung des Immunsystems.



Wann ist die individuelle Ernährungsberechnung unabdingbar?

Bei vielen Erkrankungen des Pferdes spielt Ernährung nicht nur eine unterstützende Rolle – sie ist ein zentraler Bestandteil der Therapie. Hier ein paar typische Beispiele:


Equines Metabolisches Syndrom (EMS) und Insulin Dysregulation

Das EMS ist eine inzwischen recht häufige metabolische Störung, charakterisiert durch Insulindysregulation, regionale oder generalisierte Adipositas und eine hohe Prädisposition für Hufrehe. Die Verbindung zwischen Insulinreaktion im Blut und Stoffwechsel hat ernährungsphysiologische Konsequenzen:

  • Ziel einer Therapie ist die Reduktion der Energiezufuhr, vor allem von Stärke und Zucker.

  • Eine reduzierte, abwechslungsreiche Ration (z. B. begrenzte Heumengen, kein Kraftfutter) kann die Insulinantwort verringern.

  • Diagnostisch sind Insulin- und Glukosetests entscheidend, ebenso wie die Analyse des Futters, um einen passgenauen Ernährungsplan zu entwickeln.


Eine individuelle Berechnung ist besonders wichtig, da zu viel oder zu wenig Energie schnell schädlich sein kann.



Hufrehe und Glykämische Belastung

Neben einer toxischen oder belastungsinduzierten Hufrehe ist insbesondere die Hufrehe als Folge bei Insulindysregulation relevant. Durch dauerhaft zu hohe glykämische Last der Futterration entsteht einer der wichtigsten steuerbaren Risikofaktoren für Rehe.

Das bedeutet: Futter mit hohem Anteil an leicht fermentierbaren Kohlenhydraten kann die Insulinreaktion verstärken und Reheschübe provozieren. Besonders gefährdet sind Pferde mit schon bestehendem Übergewcht aber auch Pferde mit beginnender Adipositas.


Typisches Schmerzgesicht beim Pferd
Typisches Schmerzgesicht beim Pferd

Magengeschwüre - Equine Gastric Ulcer Syndrome

Das Equine Gastric Ulcer Syndrome (EGUS) ist eine häufige Erkrankung. Ernährung beeinflusst die Magensäurebalance stark – Pferde, die zu lange ohne Futter sind, entwickeln deutlich niedrigeren pH im Magen, weil sie ständig Magensäure produzieren. Hohe Mengen an Stärke und Zucker begünstigen saures Milieu und fördern die Entstehung von Magengeschwüren. Eine kontinuierliche Fütterung mit grober Raufaser („forage-basierte Ernährung“) stabilisiert pH-Wert und fördert Kaueffekte und Speichelproduktion, die den Magen puffern und vor Läsionen schützen.



Übergewicht beim Pferd

Adipositas, also krankhaftes Übergewicht, ist bei Pferden weit verbreitet und kein kosmetisches Problem: sie ist ein Risikofaktor für EMS, Insulinresistenz, Gelenkbelastung und Hufrehe. In der heutigen Zeit sind leider viele Pferde betroffen, oft ohne, dass es wirklich wahrgenommen wird. Nicht nur sog. Robustrassen sind betroffen und das Bild eines dicken Pferdes wird fast schon als "normal" empfunden - mit weitreichenden Folgen. Ernährung spielt hier eine zentrale Rolle, denn langsame Energiezufuhr über Raufutter reduziert das Risiko für Schwankungen im Blutzucker und unterstützt einen gesünderen Körperzustand. Idealerweise sollte jedes Pferd einen optimalen Body Condition Score (BCS) von 4,5-5 (Skala 1-9) aufweisen. Die Regel ist aber eher 6-7. Auch der Cresty Neck Score (CNS) ist bei den meisten Tieren als eher ungünstig zu bemessen.



Optimaler BCS/CNS beim Pferd – kurz erklärt

Pferde die dick und dünn sind
BCS 1-9 nach Henneke et al. (1983), Quelle: Assessment of body condition and bodyweight | Veterian Key

Der BCS bzw. CNS ist ein standardisiertes System zur Bewertung des Körperzustands eines Pferdes. Ein optimaler BCS liegt meist zwischen 4–5 auf der 1–9-Skala:

  • Zu niedrig: Risiko von Krankheit und Mangelsyndromen

  • Ideal 4-5

  • Zu hoch: erhöhte Gefahr metabolischer und orthopädischer Erkrankungen


Der CNS bewertet speziell die Fettspeicherung am Hals („Crest“). Ein hoher CNS ist ein Marker für regionale Adipositas und damit ein Indikator für metabolische Risiken.

Eine durch den/die Besitzer:in durchgeführte regelmäßige Bewertung (z. B. vierteljährlich) hilft, Ernährung und Management anzupassen und vor allem frühzeitig gegenzusteuern.





Fazit

Tiermedizinische Ernährungsberatung für Pferde ist ein unverzichtbarer Bestandteil moderner Pferdegesundheit. Klinisch wirkt sie sich auf viele Krankheitsbilder aus – vom Mikrobiom über metabolische Syndrome bis zu Magenerkrankungen und muskuloskelettalen Problemen. Eine individuelle, evidenzbasierte Rationsberechnung kann nicht nur akute Beschwerden lindern, sondern langfristig die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit des Pferdes verbessern.


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